Studie zur Steigerung von Beiträgen in der privaten Krankenversicherung

Inhalt

Gegenstand und Bedeutung

Die vorliegende Studie untersucht die Beitragsentwicklung von privaten Krankenversicherungen in Deutschland seit 1985. Untersuchungsgegenstand dabei ist die Beitragsentwicklung für die einzelnen privat Versicherten im Verlauf der Zeit, nicht die Entwicklung der durchschnittlichen Einstiegstarife für neue Mitglieder in der privaten Krankenversicherung. Hierzu werden die Daten zweier empirischer Erhebungen von 2006 bzw. 2007 ausgewertet.

Die übergeordnete Fragestellung ist die Prognose der künftigen Beitragsentwicklung für Mitglieder der privaten Krankenversicherung. Bedeutend wird dies für alle Bevölkerungsgruppen, die grundsätzlich Mitglied in einer privaten Krankenversicherung werden dürfen, vor dem Hintergrund...

  • der Pflicht zur Krankenversicherung in Deutschland,
  • einer grundsätzlichen Wahlmöglichkeit zwischen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der privaten Krankenversicherung (PKV) für Teile der Bevölkerung,
  • einer zwischen GKV und PKV grundverschiedenen Finanzierungsstruktur und damit ebenso unterschiedlichen Beitragsentwicklung für die Versicherten,
  • einem mittlerweile erheblich erschwerten, teurem oder gar unmöglichem erneuten Wechsel zwischen GKV und PKV im Alter, sowie
  • der Größenordnung der finanziellen Mittel, die ein Versicherter im Laufe seines Lebens in Form von Beiträgen für seine (gesetzliche oder private) Krankenversicherung ausgibt.

Die Entscheidung zwischen PKV und GKV hat demnach eine erhebliche Auswirkung auf die künftigen Ausgaben im Leben eines Versicherten, und kann ab einem gewissen Alter praktisch nicht mehr oder nur unter Inkaufnahme erheblicher Nachteile revidiert werden.

Datenlage

Die Datenlage zur Beitragsentwicklung in Tarifen der PKV ist äußerst dürftig. Obgleich es tausende Webseiten mit Informationen zur privaten Krankenversicherung gibt, findet sich darunter praktisch nie ein Hinweis auf die Steigerungen von PKV-Beiträgen für einzelne Versicherte. Bei den Recherchen zu dieser Studie konnte jedenfalls kein einziger solcher Hinweis auf den großen Webseiten, die sogenannte "Versicherungsvergleiche" anbieten, gefunden werden. Die privaten Krankenversicherer selber scheinen diese Informationen ebenfalls nicht öffentlich zu machen. Auch die von uns kontaktierten unabhängigen Versicherungsvermittler besitzen diese Daten laut eigenen Angaben nicht. Hintergrund des Informationsdefizits könnte kommerzielles Interesse sein, und die Befürchtung, dass die Beitragssteigerungen ein negatives Licht auf die privaten Krankenversicherungen werfen.

Eigene Recherchen und Anfragen bei der Fachpresse haben bestätigt, dass es ebenfalls kaum unabhängige wissenschaftliche Untersuchungen darüber gibt, wie die Beitragsentwicklungen der privaten Krankenversicherungen in der Vergangenheit ausfielen.

Etwas besser sieht es bei Daten aus, welche die Einstiegsbeiträge für neue Mitglieder verschiedener privater Krankenversicherungen beleuchten. Diese Daten sind grundsätzlich verfügbar, da sie zur Erstellung von Verkaufsangeboten benötigt werden, und auch hier lässt sich eine Zunahme der Einstiegsbeiträge mit dem Alter feststellen. Sie sind jedoch nicht gleichzusetzen mit den Beitragssteigerungen für einen einzelnen privat Versicherten, welche Gegenstand der vorliegenden Studie sind, um so mehr da die Verwechslungsgefahr groß ist.

Vorgenommene Auswertungen

Für die vorliegende Studie konnten wir lediglich zwei unabhängige Untersuchungen zur PKV-Beitragsentwicklung ausfindig machen. Beide gelangen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Die Zeitschrift FinanzTest aus dem Hause der Stiftung Warentest, Berlin, wertete 2007 die Beitragserhöhungen anhand der freiwilligen Selbstauskünfte privat versicherter Leser aus. Dabei kam es zu 130 Lesereinsendungen mit Daten über die vergangenen 20 Jahre. Das Ergebnis war eine durchschnittliche Beitragserhöhung von 6% jährlich [1]. Dabei wurden die Beiträge zur Krankenversicherung betrachtet, nicht für Pflegeversicherung und Kranken(haus)tagegeldtarife. In diesem Zeitraum betrug die durchschnittliche Inflationsrate 2,0%. Inflationsbereinigt liegt die ermittelte Beitragserhöhung also bei 4,0% jährlich.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung wertete 2006 die Langzeit-Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus. Dies ist eine jährliche repräsentative Befragung, die seit 1984 in (West-)Deutschland durchgeführt wird und bei Beginn über 12.000 Personen beinhaltete [2]. Es ist laut Quelle auch die einzige bevölkerungsrepräsentative Studie, die auch jährlich Daten zur Beitragserhöhung in der PKV erhebt ([3], S. 655). Für die vorliegende Fragestellung wurden diejenigen Mitglieder der Stichprobe ausgewertet, die mehr als 20 Jahre in der PKV versichert waren. Für sie betrug der durchschnittliche Monatsbeitrag im Jahr 1985 noch umgerechnet 131€, im Jahr 2005 dann 395€ ([3], Tabelle 1, S. 656). Herunter gerechnet auf 20 Jahre entspricht das einer durchschnittlichen Beitragserhöhung von knapp 5,7% pro Jahr. Diese Angaben beziehen sich auf die Beiträge zur Pflege- und Krankenversicherung zusammengenommen. In diesem Zeitraum betrug die durchschnittliche Inflation 1,9%. Die inflationsbereinigte ermittelte Beitragserhöhung liegt also bei 3,8% jährlich.

Interpretation

Beide betrachteten Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Monatsbeiträge eines einzelnen Mitglieds in der privaten Krankenversicherung zwischen 1985 und 2006 durchschnittlich um 5,7% bis 6% jährlich gestiegen sind. Inflationsbereinigt entspricht dies einer Beitragserhöhung von 3,8% bis 4,0% pro Jahr.

Dadurch dass die Untersuchung von FinanzTest eine Selbstselektion der Teilnehmer beinhaltete, könnte es zu Verzerrungen gekommen sein, dergestalt dass eher diejenigen privat versicherten Leser zur Teilnahme motiviert waren, die überdurchschnittliche Erhöhungen ihrer Beiträge in Kauf nehmen mussten. Die Stichprobe des Sozio-oekonomischen Panels gilt dagegen als repräsentativ [4]. Auch die Tatsache, dass die Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels die Pflegeversicherung im Gegensatz zu der von FinanzTest beinhaltete, mag eine Rolle bei der Unterschiedlichkeit der Ergebnisse spielen.

Fazit

Aufgrund der Größe und Repräsentativität der Stichprobe des sozio-oekonomischen Panels sehen wir dessen Ergebnis als das präzisere an. Wir gehen also davon aus, dass die Beitragserhöhung der privaten Krankenversicherungen (samt privater Pflegeversicherungen) in Deutschland zwischen 1985 und 2005 inflationsbereinigt durchschnittlich 3,8% pro Jahr betrug. Die nicht-repräsentative Befragung der Zeitschrift FinanzTest bestätigt diesen Wert unter der Annahme, dass hier Verzerrungseffekte durch Selbstselektion und eine leicht modifizierte Fragestellung zutage getreten sind.

Weiterführende Betrachtungen

Übertragbarkeit in die Zukunft

Möchte man die vorliegenden Ergebnisse für eine Prognose der PKV-Beitragsentwicklung in der Zukunft nutzen, muss man insbesondere die sich ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Insbesondere sehen wir hier zwei Faktoren, die entgegengesetzt zu wirken scheinen:

Einerseits konnten Rentner früher oft von der PKV zurück in die GKV wechseln, was heute praktisch nicht mehr möglich ist. Die privaten Krankenversicherungen wurden also leichter Risikopatienten los, was in der Vergangenheit die Behandlungskosten und damit Versicherungsbeiträge im Alter tendenziell gesenkt haben dürfte, so dass künftige Beitragssteigerungen höher ausfallen könnten.

Auf der anderen Seite muss jede private Krankenversicherung seit dem Jahr 2000 einen Zuschlag für Altersrückstellungen in Höhe von 10% der Beiträge verlangen. Dies könnte die effektiven Beiträge im Zeitraum der o.g. Untersuchungen seit 2000 überproportional erhöht haben. Zusätzlich könnte es die künftigen Beiträge im Alter effektiv mindern (dies ist auch das politische Ziel). Dadurch könnte die künftige Beitragserhöhung also wiederum niedriger ausfallen als die vergangene.

Welcher Effekt überwiegt, oder ob sich beide ausgleichen, bedarf weiterer Untersuchungen und muss an dieser Stelle offen bleiben.

Vergleiche mit der GKV

Aus Sicht eines Bürgers, der sich zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung entscheiden muss, ist der Vergleich der beider Systeme von entscheidender Bedeutung, auch im Hinblick auf die zu erwartenden Kosten. In der gesellschaftlichen Diskussion sind Vergleiche zwischen PKV und GKV jedoch meist stark von politischen Interessen oder Ideologien geprägt. Teilweise werden einzelne Aspekte (z.B. Beitragssteigerung, Familienversicherung, Leistungsprivilegien, etc.) herausgegriffen und in pauschalisierte Aussagen überführt. So lässt sich beispielsweise argumentieren, dass sich die Prämien der PKV in den für diese Studie betrachteten 20 Jahren mehr als verdreifacht haben, und damit beinahe doppelt so stark gestiegen sind wie die der GKV. Andererseits lässt sich auch sagen, dass die absoluten Beiträge der PKV im Durchschnitt immer noch deutlich unter denen vergleichbarer freiwillig Versicherter in der GKV liegen (vgl. [3], S. 643).

Solche pauschalen und ggf. interessengeleitete Aussagen können für den einzelnen Bürger, der sich für das eine oder andere Versicherungssystem entscheiden muss, irreführend sein. Hilfreicher wären differenzierte Betrachtungsweisen, welche die individuellen Lebensumstände des Betroffenen berücksichtigen, und neben qualitativen auch individuelle quantitative Aussagen über zu erwartende Kosten treffen können. Die hier dargestellten Ergebnisse sollen ein Schritt in diese Richtung sein

Quellen

[1] Stiftung Warentest (2007): Teures Alter. In: Finanztest, Berlin. Ausgabe 02/2007. Zusammenfassung online (Volltext PDF kostenpflichtig verfügbar).

[2] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (2011): Übersicht über das SOEP. Artikel online.

[3] Grabka, Markus M. (2006): Prämien in der PKV. In: Wochenbericht, DIW Berlin. Ausgabe Nr. 46/2006 vom 15.11.2006. Volltext als PDF.

[4] Informationsdienst Wissenschaft e.V. (2008): Wissenschaftsrat stuft Forschungsqualität des SOEP mit "exzellent" ein. Artikel online.

© krankenversicherung-prognose.de, 28.06.2011
Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten. Keine Kopie ohne Genehmigung. Zitate nur mit Quellenangabe.